La Strada 2020

La Strada 2020, das war ein Abenteuer, auf das wir uns gemeinsam mit den KünstlerInnen und dem Publikum eingelassen haben. Wir wollten einen Raum schaffen für künstlerische Reflexionen auf die massiven Einschränkungen unserer gewohnten Lebenskultur. Wichtig war es aus unserer Sicht, der Situation auch etwas Künstlerisches entgegenzusetzen. So wurden alle Projekte, die wir im 2. Satz von La Strada Ende Juli gezeigt haben, für diese Situation in einer übergreifenden Zusammenarbeit der KünstlerInnen mit uns als Kulturfestival konzipiert.


Gemeinsam haben wir uns künstlerisch auf viele Risiken eingelassen. So hat Christian Muthspiel für sein ORJAZZTRA VIENNA eine Komposition für einen städtischen Raum entwickelt, die die Abstandsregeln für sich nutzt, um etwas Neues entstehen zu lassen. Oder Yaron Lifschitz von Circa Contemporary Circus, der gemeinsam mit dem österreichischen Cast von 18 DarstellerInnen ein Stück speziell für dieses besondere Jahr entwickelt hat, bei dem die Einschränkungen in Form eines Cubus auf der Bühne sichtbar und erlebbar waren. Für mich persönlich war es beeindruckend, in welch kurzer Probenzeit – wir sprechen hier von drei Wochenenden – zirzensische Momentaufnahmen entstanden sind, die sich intensiv mit der Situation auseinandergesetzt haben. Und die beiteiligten jungen österreichischen KünstlerInnen bekamen eine Idee davon, was sie im kommenden Jahr bei der europäischen Uraufführung von „Leviathan“ erwarten wird und sie wurden zu einem Team, das gemeinsam Großes geleistet hat. Wir freuen uns schon sehr auf die Weiterentwicklung im kommenden Jahr. Auch die Zusammenarbeit mit Willi Dorner, Chris Haring von Liquid Loft, Günter Meinhart, Johannes Schrettle, Christina Lederhaas und Eva Hofer vom Theater im Bahnhof war höchstspannend, für uns, aber gerade auch für das Publikum. Besonders schön war es auch zu beobachten, wie die Klangräume des Projektes „Signal in Graz“ von Strijbos & Van Rijswijk den Alltag der Menschen ergänzt haben. Die Klanglandschaft hat Raum eingenommen ohne die Menschen und alltägliche Abläufe zu verdrängen.


Unser Zugang hat auch in unseren internationalen Netzwerken einen Prozess ausgelöst, sich aktiv mit dem Möglichen auseinanderzusetzen. Wir haben andere ermutigt, sich der Situation entgegenzustellen und unter Mitwirkung der Bevölkerung Projekte zu entwickeln, die neue Räume für die Menschen und für Kultur öffnen. Das Miteinander stand auch im Fokus der Wanderung als Höhepunkt des 2. Satzes. An die 1.400 Personen sind unserem Experiment gefolgt: Der Verkehr in der Innenstadt hat eine Pause eingelegt, die TeilnehmerInnen wurden zu PerformerInnen und die Straßen wurden zu Begegnungszonen für die Menschen. Mit ausreichendem Abstand natürlich. Die Kunst hat im Alltag Räume für die Menschen geöffnet. 


Im 3. Satz Ende August / Anfang September haben wir die Menschen eingeladen, an Orte zu kommen, um dort künstlerische Projekte zu erleben – sichere Orte, indem die Besuchermenge reglementiert wurde und genügend Sicherheitsmaßnahmen vorgesehen waren, um die Herausforderungen der aktuellen Pandemie zu bewältigen. 16 Künstlergruppen traten in diesem Satz mit 86 Vorstellungen in Graz, Stainz, Weiz, Köflach und Seggauberg auf. 


Beim 4. Satz und dem Projekt „What if…?" auf den Reininghausgründen stand die Beteiligung der BesucherInnen wieder stärker im Fokus. Gemeinsam wurden in Diskussionen, Workshops, Impulsvorträgen, Performances und Konzerten Fragen der Stadtentwicklung in der Tennenmälzerei in den Reininghausgründen erörtert und künstlerisch beleuchtet. Auch hier war die Situation eine vollkommen neue: Wir luden die interessierte Öffentlichkeit ein, sich aktiv einzubringen, selbstverständlich wurde auch hier die Besuchermenge entsprechend eingeschränkt.


La Strada 2020 war ein Abenteuer, dass uns vor Augen geführt hat, wie wichtig es ist, zu jedem Zeitpunkt aufmerksam zu sein und achtsam mit den Ängsten und Vorbehalten von KünsterInnen, MitarbeiterInnen und dem Publikum umzugehen. Und diese Erfahrungen immer wieder zu hinterfragen und den eigenen Hausverstand zu nutzen. Das Wohlergehen aller Beteiligten ist noch stärker in den Fokus gerückt. Der Austausch mit anderen Kulturveranstaltern war für uns immer schon sehr wichtig, doch in diesem Jahr ist die Zusammenarbeit noch entscheidender geworden. Die positive Grundhaltung und der Erfahrungsaustausch mit anderen steirischen Kulturveranstalter war sehr hilfreich.